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Die Spätzünder

Automobilgeschichte Graubünden 1925-2025

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Es war ein unfreundlicher Samstagabend am 21. Februar. Dauerregen ergoss sich auf die Schneemassen der letzten Tage und verwandelte die weisse Pracht auf den Strassen in nassen Matsch. Doch es fanden sich etwa 60 Interessierte im Saal Cristalla ein, um sich über die Geschichte des Automobils in den letzten mehr als 100 Jahren informieren zu lassen. Standesgemäss hatte sich auch ein Oldtimer eingefunden, unübersehbar beim Eingang parkiert. Ein Fiat Jahrgang 1951, aus dem Haus «Garage-Oberalp AG, Sedrun». Allradantrieb war damals noch kein Thema, dennoch kurvte er nach der Veranstaltung stolz und ohne den geringsten Rutscher zur Oberalpstrasse hoch.

Vorher aber hatte uns Simon Bundi, Historiker und Kurator des Automobilmuseums Emil Frey Classics – des vermutlich einzigen Museums im Mittelland, das ausdrücklich auch Führungen in rätoromanischer Sprache anbietet! – zurückversetzt ins Jahr 1900. Damals berichtete ein Zeitungsartikel, dass ein Automobil im Schnellzugstempo auf der Strasse beobachtet worden sei. Dadurch könnten Pferde rasend gemacht werden, Fuhrwerke kippen und sogar Passagiere verletzt werden. Das war Grund genug, für den ganzen Kanton ein Autoverbot auszusprechen. Es war bis 1925 gültig.

Dann aber ging es mit der Automobilisierung rasch vorwärts. Der Tourismus sollte gefördert werden; da konnte man nicht hinter anderen Destinationen zurückstehen. Das Auto begann seinen Siegeszug vorerst als Statussymbol in den bekannten Tourismusmetropolen wie St. Moritz oder Davos. Simon Bundi würzte diese Entwicklung mit Anekdoten etwa des Arztes Dr. Campell aus Pontresina, der sein Auto in tagelangen Fahrten aus dem Unterland glücklich, aber nicht ganz unbeschädigt nach Hause führte. Verwechslung von Vorwärts- und Rückwärtsgang und Steine werfende Kinder setzten dem Gefährt zu, taten aber dem Stolz des Besitzers wohl keinen allzu grossen Abbruch. Bereits 10 Jahre nach Aufhebung des Verbots gab es mit Ignazi Monn auch in Sedrun den ersten Automobilisten.

Dass das Auto mehr war als Gebrauchsgegenstand bezeugen Fotos und Filmdokumente. Sie zeigen liebevoll die Karosserie streichelnde Männer (nur wenige Frauen), sich siegreich mit Pannen abmühende Helden der Strasse, berichten vom Abenteuer einer Passfahrt oder dem Nervenkitzel der Geschwindigkeit. Bis 1958 gab es keinerlei Geschwindigkeitsbegrenzungen, weder inner- noch ausserorts. Verwegen durch enge Strassen zu «blochen» war Teil von nicht wenigen Selbstdarstellern. Aber auch die Tourismuswerbung setzte auf das Automobil. Plakate warben mit dem Slogan «Für schöne Autofahrten die Schweiz» und boten zudem «verbilligtes Touristenbenzin» an. Asphaltierung und Ausbau von Passstrassen waren Aushängeschilder für Fortschrittlichkeit. Sie wurden mit Stolz präsentiert und gehör(t)en zum Selbstbild der Schweiz.

Dieses war nicht zuletzt auch durch die Automarken repräsentiert, die im Kanton vorherrschend waren/sind. Längere Zeit zeugten amerikanische wie Dodge oder Chevrolet oder der deutsche Mercedes von Wohlhabenheit und Eleganz, während VW eben ein Wagen für das gemeine Volk war. Mit Range Rover wurde Rustikalität salonfähig, wenn auch nicht unbedingt erschwinglich. Und mit Subaru war/ist der Wagen für Bergler geschaffen, mit dem sich wieder eine ganze Reihe von Geschichten und Anekdoten verbinden…

So führte uns Simon Bundi mit profunder Sachkenntnis abwechslungsreich und humorvoll durch die Geschichte des Automobils der letzten hundert Jahre. Zugleich verstand er es, damit auch wichtige Faktoren aufzuzeigen, die zum Bild des heutigen Tourismuskantons Graubünden beitrugen.

Markus Müller