Wir Strahler im Tujetsch
Es war ein unfreundlicher Tag, der Samstag, 15. November. So richtig geeignet, nach dem Nachtessen noch in der warmen Stube zu bleiben. Doch gegen 18.45 Uhr begann sich der Saal im Museum Truaisch immer mehr zu füllen, und als die Schlange vor dem Museum trotz Regen nicht abnehmen wollte, begannen die Organisatoren, «Notfallszenarien» in Betracht zu ziehen. Das Interesse galt den «Strahlern im Tujetsch».
TujetschVIVAcultura hatte bereits in den früheren Jahren verschiedene sehr gut besuchte Veranstaltungen zum Thema Geologie organisiert (mit Yves Bonanomi und Adrian Pfiffner). Nun richtete sich die Aufmerksamkeit auf die konkrete Arbeit der «cavacristallas». Walter Monn, der Präsident des Strahlervereins, hatte zu diesem Zweck bei seinen Mitgliedern Videos und Fotos eingefordert, die die unterschiedlichen Aspekte des Strahlens dokumentieren. Dieses einmalige Dokument wurde nun als Premiere gezeigt, ergänzt durch Gespräche mit zwei Strahlern unterschiedlicher Generationen - Giancarlo Hendry und Conrad Berther - und einer geschichtlichen Einordnung des Dokumentarfilmers und Historikers Gieri Venzin, der auch kenntnisreich durch den Abend führte.
Bereits vor 8000 Jahren wurden beim Brunnigletscher in der oberen Surselva Kristalle abgebaut. Damals kamen sie wegen ihrer Härte als Werkzeuge zum Einsatz. Gieri Venzin wollte aber nicht ausschliessen, dass das eine oder andere «Spitzli» den Weg zu einer angebeteten Steinzeitfrau gefunden hat. Die eigentlich kommerzielle Ausbeutung begann aber erst im Mittelalter. Schönheit der Formationen spielte dabei keine Rolle. Grosse Exemplare von Quarzen wurden u.a. zu Gläsern geschliffen, kleinere zu Sand vermahlen, eingeschmolzen und weiter verarbeitet. Das Monopol hatte das Kloster Disentis. Später wurden Kristalle gesucht, um deren Vielfalt in Naturalienkabinetten zu dokumentieren. Erst im 20. Jahrhundert wurden Kristalle in ihrer Schönheit als Unikate, als Individuen mit ihrem Form- und Farbenspiel geschätzt und von Liebhabern gesammelt.
An diesem Abend konnten wir denn auch die Schönheit ganz unterschiedlicher Formationen bewundern, sei dies auf Bildern oder in der schweizweit wohl herausragenden Sammlung des Strahlervereins Tujetsch im Untergeschoss des Museums. Was es aber braucht, diese Schönheiten ans Licht zu bringen, wurde uns im Video eindrücklich vor Augen geführt. Lange, beschwerliche Anmarschwege zu den möglichen Fundstellen, suchen nach Anzeichen von Klüften, graben in Steinen und Matsch, Felsbrocken wegräumen – um im schlechtesten Fall «nichts Brauchbares» zu finden. Oder aber: Noch unansehnlich, ganz in Dreck eingepackt ein Exemplar in den Händen zu halten, das die Augen des Finders zum Strahlen bringt und die Kehle zum Jauchzen. Belohnung für lange, mühevolle Arbeit.
In den Gesprächen betonten denn auch Giancarlo Hendry und Conrad Berther, eine der wichtigsten Tugenden eines Strahlers seien Ausdauer und Frustrationstoleranz. Von zehn «Expeditionen» sei vielleicht eine erfolgreich. Was sie aber für alle Strapazen entschädige, sei das Naturerlebnis: Die Stimmungen von Wetter und Licht in der einmaligen Bergwelt zu erleben, aber auch das Gefühl von Freiheit inmitten der unwirtlichen Umwelt. Und natürlich die Hoffnung auf einen speziellen Fund, auch wenn dies nicht unbedingt ein Milarit sein müsse.