Caschlè – eine Exkursion der besonderen Art
Ziel unserer Exkursion: «Hexenplatte». Nur schon der Name macht neugierig. Ist die Platte verhext oder trieben Hexen dort ihr Unwesen, welche Art von Unwesen….? Antworten darauf sollten wir aus kompetenter Hand erhalten. Versprochen war aber noch mehr. Themen rund um die Alp Caschlè sollten zur Sprache kommen, die für das Tujetscher-Tal in Vergangenheit und Gegenwart bedeutsam sind: Schutzwald, Alpwirtschaft und, was für viele von uns überraschend war, auch Strahlen.
Gluschtig gemacht auf das, was kommen werde, machten sich etwa 20 Wanderer und Wanderinnen von Milà aus auf den Weg durch den schattigen Uaul Flurin, am Rande der Ondadusa vorbei zum ersten Informationshalt oberhalb des Waldes.
Schutzwald
Hier, mit Blick auf Uaul Flurin, Uaul Camischolas und die Lawinenverbauungen in der Ondadusa gab uns Adrian Deragisch, Leiter Forstbetrieb / Technischer Betrieb Gemeinde Tujetsch, einen Überblick über die Aufforstung dieser Schutzwälder vor rund 100 Jahren. Begonnen hatte man mit Terrassenbauten, die heute, wie geplant, vom Wald überwuchert, aber immer noch in Form von Trockenmauern vorhanden sind. Die Anstrengungen zum Schutz vor Lawinen gehen aber bis heute weiter mit der gezielten Pflege und Verjüngung der Wälder und dem Bau moderner Verbauungen. Allerdings wird sich mit dem Klimawandel die Gestalt der Wälder in den kommenden Jahrzehnten verändern. Im Austausch zwischen Wissenschaft (ETH Zürich) und Praxis werden vermehrt Laubbäume gepflanzt.
Strahlen
Als nächstes Thema stand das Strahlen auf dem Programm. Mitten auf der Alp führte uns Walter Monn, Präsident des Strahlervereins «Uniun cristal Tujetsch», zu einem recht unauffälligen Felsbrocken. Nach leicht kniffliger Passage im steilen Wiesengelände öffnete sich eine Kluft. Immer noch etwas eng zum Reinkriechen. Diese Öffnung musste er aber mit Brecheisen und menschlicher Kraft den Gesteinsmassen erst abringen. Gewissheit, dass sich hinter dem Fels ein Schatz verbergen könnte, gab es nicht. In diesem Fall aber gab die Kluft spezielle Preziosen her. Ohne Fleiss kein Preis – und nicht selten bleibt’s halt beim Fleiss. Wir Laien wissen nun, dass auf dem gesamten Gemeindegebiet Kristalle gefunden werden können; nicht nur in den steilen Feldwänden, wie man das gemeinhin annimmt.
Sagen
Mittagshalt: Hexenplatte. Hier kam Sibylle Mani zum Zug. Die studierte Volkskundlerin und Buchautorin («Sagenhafter Wanderführer Surselva») zeigte anhand einiger Sagen auf, dass all diesen Geschichten vermutlich wahre Begebenheiten oder Ängste zugrunde liegen. Die Hexenplatte heisst auf Romanisch «Platta dil Barlot», was mit einer Hexe nichts zu tun hat. Barlot bezeichnet ein ausgelassenes Tanzen und lautes Lustigsein. Warum solch fröhliches Getue ausgerechnet mit Hexen, das heisst mit weiblichen Wesen, in Verbindung gebracht wird, erscheint nicht zufällig. Die Verführungskraft von Lustbarkeiten aller Art war der (zumeist kirchlichen) Obrigkeit ein Dorn im Auge. Mit grauslichen Geschichten sollte davor gewarnt werden. Dass es vielfach nicht bei blossen Warnungen blieb, zeigt sich in den auch in der Surselva zahlreichen Hexenprozessen. So konnte uns Sibylle eine Ahnung davon geben, auf welchem Hintergrund sich Sagen über Jahrhunderte hinweg aufgebaut haben.
Alpwirtschaft
Die seit längerer Zeit nicht mehr bestossene Alp Caschlè gab schliesslich auch Tarcisi Hendry, dem Organisator der heutigen Exkursion, Gelegenheit, die Geschichte der Alpwirtschaft im Tujetsch zu erläutern. Er berichtete von den früher grossen Beständen an Schafen, Ziegen und Kühen. Er schilderte Zwistigkeiten, die sich wegen dem knappen Weideland, aber auch wegen dem engstirnigem Verfolgen des eigenen Vorteils aufgebaut hatten - und teils über viele Jahre hinweg hartnäckig ausgefochten wurden. Anschaulich brachte er aber auch eigene Erfahrungen auf der Alp zum Besten, schöne und weniger schöne. Solche wurden aus dem Kreis der einheimischen Wanderer und Wanderinnen ergänzt, so dass ein lebhafter Austausch von Zeitzeugen einer noch nicht sehr fernen Vergangenheit entstand. Eben: Geschichte und Geschichten um Caschlè.
Gestärkt von vielen Eindrücken der wunderbaren Landschaft und erfüllt mit neuem kulturhistorischem Wissen, machten wir uns auf den heissen Abstieg und waren wohl alle froh, dass uns auf Milà der Bus in Empfang nahm.