Durchschlagender «Dekaden-Dialog»
«Feriengast wird Dorfchef»: Vor zehn Jahren war Tujetsch positiv in den Schlagzeilen, nachdem sich die Zweitheimischen ins Zeug legten. Vreni Müller Hemmi als erfahrene Politikerin war daran nicht ganz unschuldig. Die abtretende Präsidentin der Interessengemeinschaft (IG) für Zweitwohnungsbesitzende und Stammgäste legte damals eine fruchtbare Basis für die Gründung der IG und einen nachhaltigen Dialog.
Vreni Müller-Hemmi hatte immer das Ziel, sich selber gut zu integrieren und hat auch Romanisch geübt. Als «erfreuliches Resultat» bezeichnet sie die Tatsache, dass ihre Tochter dank der Ferienwohnung ihren einheimischen Mann kennengelernt hat und mit ihrer Familie seit mehr als zehn Jahren im Tujetsch wohnt. Privat wie politisch sei einiges in Bewegung gekommen, blickt sie dankbar zurück: Vor gut zehn Jahren kam es einer Sensation gleich, dass Beat Röschlin als Zweitheimischer aus Zug und «neu-einheimischer» Gemeindepräsident gewählt wurde, nachdem sich niemand aus Tujetsch für dieses Amt finden liess. Das förderte mitunter den Dialog zwischen Einheimischen und Zweitheimischen, der damals dank der Gründung der IG institutionalisiert wurde und nun schon eine Dekade erfolgreich anhält.
Aus der Not eine Tugend gemacht
Auslöser für die Gründung der IG war aber nicht nur die Notlage in der lokalen Politik. Die Gemeindeversammlung hatte nämlich auf 2015 auch das neue Gesetz für Gäste- und Tourismustaxen in Kraft gesetzt, ohne dass die Betroffenen speziell informiert wurden. Vreni Müller-Hemmi, die ehemalige Zürcher Nationalrätin und damals seit sieben Jahren mit ihrem Mann in Rueras zweitheimisch, erinnert sich: «Das gab Unmut.» Schliesslich habe die Gemeinde gleichzeitig ein Leitbild verabschiedet, gemäss welchem sie sich für die Meinung der Zweitheimischen interessiere, was sich auch in den Entscheiden spiegeln solle. Vreni Müller-Hemmi und weitere Personen aus dem Kreis der Zweitheimischen, denen die positive Entwicklung der Gemeinde für alle am Herzen liegt, beschlossen anzupacken: 2015 kamen rund 150 Zweitheimische an die Gründungsversammlung der IG, und die Scuntrada / Begegnung mit Einheimischen lockte gar 300 Besucherinnen und Besucher. Und heute? Müller-Hemmi freut sich: «Die IG Tujetsch hat sich in der Gemeinde etabliert.» Die Mitgliedszahlen haben sich auf rund 370 eingependelt. Doch die «Erfahrung, dass Jüngere sich allgemein mit Vereinsmitgliedschaften schwerer tun, machen auch wir», bedauert sie.
Potenzial wird mobilisiert
In vielen Gemeinden seien aus ähnlichen Gründen Interessengemeinschaften gebildet worden, sagt Müller-Hemmi. Der anfängliche Unmut habe nach und nach fruchtbare Diskussionen im ganzen Kanton ausgelöst: «Heute noch haben die damals formulierten Absichtserklärungen eine grosse Bedeutung: Die Wertschätzung zwischen Einheimischen und Zweitheimischen wird gefördert und im Dialog mit Behörden werden Potenziale mobilisiert.» Die sachlichen und differenzierten Diskussionen mit weiterführenden Impulsen – zum Beispiel seitens der Kantonsregierung oder den Verantwortlichen des Wirtschaftsforums Graubünden – seien heute nicht mehr wegzudenken. Der tourismuspolitische Dialog habe sich auf die weitere Region ausgedehnt. Zusammen mit der IG Disentis und IG Urserental findet ein regelmässiger Austausch auch mit den massiv investierenden Tourismusmotoren im Gebiet Andermatt-Tujetsch-Disentis statt.
Musterbeispiel für Kooperation
In diesen zehn Jahren seien die Zweitheimischen untereinander besser vernetzt worden, und mit konkreten Aktivitäten sei der Austausch mit Einheimischen gefördert worden, sagt Müller-Hemmi: «Beispiele davon sind die von uns zusammen mit der Schule angebotene Romanisch-Sommerwoche oder die mit der Uniun da dunnas organisierten Kurse für das Sursilvaner Kartenspiel Troccas.» Als «Musterbeispiel einer erfolgreichen Kooperation» erwähnt sie das Programm TujetschVIVAcultura, das die IG seit fünf Jahren zusammen mit dem Kulturverein Forum cultural und dem Ortsmuseum La Truaisch auf die Beine stelle.
Es gab auch Knackpunkte
Müller-Hemmi räumt ein: «Wer Interessen wahrnimmt, darf nicht überrascht sein, damit auf Widerstand zu stossen.» Das sei beispielsweise in Sachen Transparenz bei der Verwendung der Gästetaxgelder oder bei der Ungleichbehandlung im Zusammenhang mit der Sommergästekarte der Fall gewesen. Dies sei nun aber Geschichte. Sie verhehlt indes nicht, dass man bei Tourismus- und Gemeindeverantwortlichen auf den einen oder anderen Knackpunkt gestossen sei. Aber heute sei man insgesamt auf gutem Kurs. Die von der Gemeinde organisierten und von der IG mitgetragenen Informationsveranstaltungen seien gut besucht. Die Preissteigerungen für Wohneigentum gelte es, im Auge zu behalten. In erster Linie spiele aber der Markt, und «daran sind Ein- wie Zweitheimische als Kaufende und Verkaufende beteiligt». Positiv sei, dass sich Bündner Gemeinden vermehrt für das Modell von Wohnbaugenossenschaften interessierten. Sie begrüsse es deshalb, dass die Regierung diese Entwicklung künftig fördern möchte.
Aufbruch nach einer Dekade
Die Verjüngung der IG liegt quasi in ihrer DNA, zumal die Statuten eine Amtszeitbeschränkung von zehn Jahren vorsehen und der Vorstand kontinuierlich erneuert wird. Damit wird sich auch Müller-Hemmi aus dem Vorstand zurückziehen, mit den Anliegen der IG und der Gemeinde indes verbunden bleiben: «Jetzt treten wir letzten drei Mitglieder des Gründungsvorstands zurück. Ich bin sehr glücklich, dass wir eine Nachfolgerin und zwei Nachfolger zur Wahl vorschlagen können.» Der Aufbruch nach der Aufbau-Dekade geht weiter und wird am Samstag, 28. Juni 2025 mit einem grossen Jubiläumsfest gefeiert. Das Motto – wie könnte es anders sein – lautet «Verbinden – Colligiar».
Autor: Roman Salzmann