Blick auf die linke Seite des Tujetsch
Bekanntes wieder einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten, öffnet den Blick für bisher wenig Beachtetes. Dies jedenfalls war einhellig die Meinung der knapp zwanzig Wanderinnen und Wanderer, die sich am Samstag, 13. September zur kulturhistorisch-geografischen Exkursion von Selva nach Surrein eingefunden hatten. Nachdem am Morgen noch dichte Nebelschwaden das Tal durchzogen hatten, lockerten sich im Laufe des Tages die Wolken immer mehr und machten sonnigen Abschnitten Platz. Ideale Bedingungen für eine gemütliche «spassegiada», die immer wieder durch Zwischenhalte unterbrochen wurde. Die Perspektive von ennet des Rheins, eben von «surrein», auf die einzelnen Dörfer von Tujetsch brachte einige siedlungstechnische Entwicklungen im Tujetsch anschaulich vor Augen.
Besonders markant stellt sich die Reihe der Schutzwälder dar. Aus heutiger Sicht ist es schwer zu begreifen, dass bis weit ins 19. Jahrhundert hinein offensichtlich nicht erkannt wurde, dass der Wald eine entscheidende Schutzfunktion vor Lawinen und Erdrutschen ausübte. Oder war es vielleicht so, dass die Talbewohnerinnen und -bewohner ohne zu fragen mit den Naturgefahren lebten, sie als Schicksalsschläge einer höheren Macht akzeptierten? Jedenfalls wurde Holz wahllos für den Eigengebrauch (Heizung, Bauten, Zäune, Kornhisten) geschlagen, so dass 1853 sogar der ferne Kanton mit gesetzlichen Vorschriften einschreiten musste. Der systematische Aufbau der Schutzwälder an den Südhängen des Val Tujetsch erfolgte erst gegen 1900, wurde dann aber systematisch vorangetrieben. Die klar abgegrenzten Waldränder von Rosas, Liets, Flurin etc. sind aus der Perspektive von «über dem Rhein» deutlich zu erkennen.
Tarcisi Hendry, unser Wanderleiter, füllte die Pausen aber nicht nur mit vielfältigen Informationen, sondern streute immer auch wieder augenzwinkernd Sagen und Vorkommnisse ein, die Einblick in Gedanken- und Glaubens- bzw. Aberglaubenswelt der Talbewohner brachten. So sollen Burschen von ob dem Wald bei Mädchen in Selva allerlei Schabernack getrieben, am Morgen gar aus Übermut die Kirchglocken geläutet haben. Auf dem Heimweg irrten sie umher und fanden nicht mehr aus dem Wald von Sontga Brida hinaus. Sie waren verzaubert, von den Hexen im Dorf. Die Lösung: Die Schuhe wechseln, den rechten an den linken Fuss und umgekehrt. Das half ihnen zwar, ihr wohlbekanntes Bett zu finden, aber zu den «Hexen» sind sie nie mehr gegangen.
Von Naturkatastrophen war die Rede, von den Lawinen in Selva und Rueras, vom Brand in Selva (1949) und den aus der ganzen Schweiz erhaltenen «Liebesgaben» und den Schwierigkeiten, die gutgemeinte Flut zu bewältigen: 8000 Schuhe für die 93 Menschen, für 26 Frauen 10'000 Kleider… Es wäre jedenfalls nicht erstaunlich, wenn auf dem einen oder anderen Estrich noch Überreste dieser «Liebesgaben» lagerten. Aber auch der Specksteinabbau in Nual (bis 1974) kam zur Sprache, die Maul- und Klauenseuche, die um 1735 die Grenze zwischen dadens und dado digl uaul nicht überschritt und wo dann zum Dank die Kapelle Sontga Brida gebaut wurde, der Bau der damaligen Furka-Oberalp-Bahn 1926. Wir erfuhren Interessantes vom Bau der Wasserkraftwerke und den damit verbundenen Konzessionen ab 1955, von den zahlreichen Prozessionen nach Sut Crestas oder Zarcuns und den damit verbundenen Geschichten.
Kurz: Volksfrömmigkeit, Streitereien, Geschäftstüchtigkeit, Armut und Umgang mit dem Naturgeschehen und vieles mehr wurden vor uns wie auf einer Kette aufgereiht, während wir dem Lauf des Rheins folgten, den Blick auf die Dörfer von Tujetsch gerichtet. Am Schluss kamen wir in Surrein und damit bei der NEAT an. Einige der Teilnehmerinnen und Teilnehmer schlossen den Ausflug denn auch in einem positiven «Abfallprodukt» dieses Jahrhundertbauwerks ab. Mit einem Kaffee oder Bier beim Lag da Claus.