,

Extreme Naturereignisse in der Schweiz

Mit Adrian Pfiffner, Prof. em., Geologe, Universität Bern

2025 war ein Jahr, das in der schweizerischen Öffentlichkeit stark durch den Bergsturz von Blatten mit dessen katastrophalen Folgen und die Evakuierung des ganzen Dorfes von Brienz geprägt war. Derartige Ereignisse haben für die direkt Betroffenen oft traumatische Konsequenzen, lassen aber auch viele Menschen verunsichert und mit dem Gefühl zurück, der unberechenbaren Natur ausgeliefert zu sein.

In diesem Umfeld war es sehr erhellend und aufschlussreich, dass Adrian Pfiffner am 3. Januar solche Ereignisse in einen grösseren Zusammenhang stellte. Als ehemaliger Geologieprofessor und über die Landesgrenze hinaus anerkannte Koryphäe war er denn auch die geeignete Person. Auf der einen Seite konnte er aus dem Vollen schöpfen und auf der anderen Seite sein Wissen packend und anschaulich darstellen.

Bezeichnend ist, dass er das Wort «Naturkatastrophe» bewusst nicht gebrauchte. Die Natur kenne keine Katastrophen, die Natur kenne nur Prozesse und Ereignisse mit mehr oder weniger einschneidenden Folgen. Der Begriff «Katastrophe» beziehe sich auf das Empfinden der Menschen. Ihm als Naturwissenschaftler geht es darum, die Ursachen solcher Prozesse zu erkennen und zu erklären. Das Wissen ermöglicht es, katastrophale Auswirkungen zu vermeiden.

So begann er seinen Tour d’Horizon mit möglichen Ursachen für Bergstürze. Da ist die Schwerkraft, die permanent auf alles einwirkt, was sich erhebt. Schwächezonen im Fels – Brüche, Risse, unterschiedliche Gesteinsschichten – bieten Angriffspunkte für diese Kräfte. Wasser in den Rissen erleichtert das Abrutschen von Schichten, schwindender Permafrost fällt als Bindmittel von Schuttbergen weg… Solche Gegebenheiten sind dauernd wirksam. Dazu kamen in den Eiszeiten gewaltige Eismassen, die mit ihrem Gewicht ganze Landstriche niederdrückten. Mit ihrem Wegschmelzen konnten sich diese wieder erheben, was zu Spannungen und Instabilitäten in den angrenzenden Gebirgen führte. Kurz: Die anscheinend so festen Felsmassen sind in ständiger Bewegung. So ist es nicht verwunderlich, dass hie und da etwas davon abbricht.

Vor 9400 Jahren zum Beispiel in Tamins und vor 9300 in Flims. Beide Felsstürze führten zur Bildung von Seen, die sich zeitweise von Thusis bis Ilanz erstreckten. Damals war die Gegend bereits besiedelt, wenn auch sparsam, sodass sich die menschlichen Katastrophen wohl in Grenzen hielt. Das war in späteren Zeiten anders. Beim Bergsturz von Goldau wurde 1806 das ganze Dorf verschüttet und etwa 450 Menschen kamen ums Leben. Noh an vielen weiteren Beispielen erörterte Adrian Pfiffner das ständige Werden und Vergehen von Naturgegebenheiten im schweizerischen Alpenraum über die Zeitperioden hinweg. Erdbeben, Überschwemmungen. Rutschungen ganzer Gebiete wie im Lugnez oder in Brienz gehörten und gehören auch aktuell zur Geschichte der Natur. Sie lassen sich nicht vermeiden. Wir können nur lernen, so damit zu leben und uns auf sie einzurichten, dass sie zu möglichst wenigen zivilisatorischen Katastrophen führen.